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Intimität und Liebe im Alter

Von Martin Weingart | 07.09.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min.
Intimität und Liebe im Alter

Es ist eines der letzten grossen Tabus unserer Gesellschaft: Sexualität, Intimität und Zärtlichkeit im hohen Alter. In unserer Vorstellung sind Pflegeheime Orte der medizinischen Versorgung und des Ruhestands, aber selten Orte der Leidenschaft. Doch das Bedürfnis nach Nähe, nach einer berührenden Hand und nach Liebe verschwindet nicht mit dem Eintritt ins Rentenalter und auch nicht mit dem Umzug in eine Institution. Der Mensch bleibt bis zum letzten Atemzug ein fühlendes Wesen. Es ist Zeit, offen darüber zu sprechen, wie Intimität im Pflegeheim gelebt werden kann und darf, denn die Unterdrückung dieser Bedürfnisse mindert die Lebensqualität massiv.

Hauthunger: Ein Grundbedürfnis

Fachleute sprechen oft vom sogenannten Hauthunger. Wenn ältere Menschen alleinstehend sind oder der Partner verstorben ist, fehlt oft über Jahre hinweg jegliche körperliche Berührung, die nicht medizinisch oder pflegerisch motiviert ist. Das Waschen durch die Pflegekraft ist eine funktionale Berührung, sie stillt nicht das Bedürfnis nach Geborgenheit. Dieser Mangel an Nähe kann zu Depressionen und einem Gefühl der Isolation führen. Dabei ist wissenschaftlich erwiesen: Berührungen senken den Blutdruck, reduzieren Stresshormone und schütten das Bindungshormon Oxytocin aus. Ein einfaches Händchenhalten, eine Umarmung oder das Kuscheln sind essenzielle Lebensmittel für die Seele. Angehörige sollten keine Scheu haben, ihren Eltern auch im Heim körperlich nah zu sein – eine Umarmung sagt oft mehr als ein einstündiges Gespräch über das Wetter.

Privatsphäre ist ein Muss

Damit Intimität – ob allein oder zu zweit – möglich ist, braucht es Privatsphäre. Im Pflegeheim ist dies eine organisatorische Herausforderung. Pflegekräfte sind es gewohnt, Zimmer oft ohne langes Warten zu betreten, um nach dem Rechten zu sehen. Für die Bewohner kann das bedeuten, dass sie sich nie unbeobachtet fühlen. Moderne Pflegekonzepte legen daher grossen Wert auf die Respektierung der Türschwelle. Ein "Bitte nicht stören"-Schild an der Tür muss von Personal und Angehörigen akzeptiert werden. Das Zimmer des Bewohners ist seine Wohnung, sein privates Reich. Wenn sich dort ein Paar zurückzieht, geht das niemanden etwas an. Angehörige müssen lernen, dass die Eltern auch ein Recht auf Geheimnisse und verschlossene Türen haben.

Neue Partnerschaften im Heim

Oft geschieht es unerwartet: Der Vater oder die Mutter verliebt sich im Pflegeheim neu. Für die erwachsenen Kinder ist das manchmal ein Schock. Doch diese späten Beziehungen haben oft eine ganz andere Qualität als Ehen in jungen Jahren. Es geht weniger um Zukunftsplanung oder gemeinsamen Haushalt, sondern um das Geniessen des Augenblicks, um Verständnis für die Gebrechen des anderen und um geteilte Nähe. Diese Beziehungen sind ein Geschenk und ein grosser Gewinn für die Lebensqualität. Sie sollten von Angehörigen und dem Pflegepersonal unterstützt und nicht belächelt werden. Es erfordert Grösse von den Kindern, das Glück des Elternteils über die eigene Vorstellung von Treue zur verstorbenen Mutter zu stellen.

Demenz und Enthemmung

Ein sensibles Thema ist Intimität bei Menschen mit Demenz. Durch die Erkrankung können kulturelle Hemmschwellen fallen. Es kann zu distanzlosem Verhalten gegenüber Pflegekräften oder Mitbewohnern kommen. Dies ist für Angehörige oft beschämend. Wichtig ist zu verstehen: Dies ist ein Symptom der Krankheit, keine charakterliche Verfehlung. Professionelle Pflegekräfte sind geschult, damit umzugehen, Grenzen freundlich aber bestimmt zu setzen und die Bedürfnisse des Bewohners in geeignete Bahnen zu lenken. Manchmal entstehen auch Liebesbeziehungen zwischen zwei dementen Bewohnern, die ihre eigentlichen Ehepartner nicht mehr erkennen. Dies ist ethisch komplex, doch solange beide Parteien Wohlbefinden zeigen und niemand ausgenutzt wird, gilt heute meist der Grundsatz: Was glücklich macht, ist erlaubt.

Martin Weingart - Pflegespezialist

Über den Autor: Martin Weingart

Martin Weingart ist ein erfahrener Pflegespezialist mit über 25 Jahren Erfahrung im Schweizer Gesundheitswesen. Als Experte für Alterspflege und Betreuung berät er Familien und Institutionen und teilt sein fundiertes Fachwissen in diesem Blog, um Angehörigen und Betroffenen Orientierung und Unterstützung zu bieten.

Diesen Artikel zitieren (Quellenangabe):

Weingart, Martin (2026). Intimität und Liebe im Alter. pflege-heime.ch. Abgerufen am 07.09.2026, von https://www.pflege-heime.ch/blogs/alterspflege/intimitat-und-liebe-im-alter

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